Schon bevor wir in den Urlaub unterwegs waren, meinte „Töchterchen“ (23 Jahre alt), dass sie am Donnerstag, den 26.5.2022, „Germany’s Next Top Model“ schauen müsste. Schließlich sei dies das Finale und das dürfe man auf keinen Fall verpassen. Sie schaut übrigens jedes Mal „GNTM“.
Ich hatte dieses „sagenumwobene“ Model-CastingCasting Als Casting wird der Prozess der (Vor-) Auswahl von Schauspielern, Tänzern, Sängern, Fotomodellen und anderen Künstlern in der Phase der Vorproduktion von Inszenierungen, Filmaufnahmen, Sprachaufnahmen und Fotoaufnahmen bezeichnet. noch nie gesehen und witterte nun eine Möglichkeit, mich zu informieren, was genau dort passiert.

Nun war besagter Donnerstag.
Meine Gattin und ich saßen mit einer jungen Frau aus der Generation „Ich nehme mein SmartphoneSmartphones Smartphones nennt man Mobiltelefone mit umfangreichen Computer-Funktionalitäten, wie Terminplaner, E‑Mail-Möglichkeiten u.v.m. Der Begriff dient der Abgrenzung von herkömmlichen Mobiltelefonen. auch mit zum Duschen, damit ich nichts verpasse.“ im Wohn‑ und Aufenthaltsraum des Ferienhauses und schauten in die GlotzeDie Glotze Ein anderes Wort für Fernseher.

Eine farbenfrohe Show begann.

Bei der Eröffnung „performtePerformen Etwas künstlerisch oder musikalisch darbieten, präsentieren oder etwas vorführen“ Moderatorin und Entscheiderin Heidi Klum einen technoTechno Techno ist eine Musikrichtung, die in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre durch die Verschmelzung mehrerer Stilarten der elektronischen Tanzmusik entstanden ist. Als Basis dient der minimalistische, bass-betonte Grundrhythmus.‑ähnlichen Song.
So heißt es „neudeutsch“, wenn man etwas zum Besten gibt.
Die einzige Songzeile und gleichzeitig auch der Refraim „When Ⅰ fall in love again, Ⅰ know it’s gonna last forever.“ stammt übrigens aus dem Song „Baby Jane“, den der britische Sänger Sir Rod Stewart im Jahr 1983 zusammen mit dem SongwriterSongwriter Jemand, der Texte (und Melodien) von Songs (Liedern) schreibt und Bassisten Jay Davis geschrieben hat.

Danach wurden die Finalistinnen vorgestellt.
Die junge Frau in der Mitte streckte den Arm nach oben und hielt ihn mit der Hand des anderen Arms fest.
Dies sei wichtig, wurde ich belehrt, weil die Person in der Mitte „den wichtigsten Part“ habe.
Jede wurde vorgestellt und durfte währenddessen nach vorne kommen und sich hinstellen.

Weiter ging es auf dem Laufsteg, genannt „CatwalkCatwalk Der (erhöhte) Laufsteg bei Modenschauen et cetera“.
Die jungen Damen warfen sich in Kleidung mehrerer bekannter Modedesigner und stolzierten – „Gehen“ kann man es nicht nennen! – über den Catwalk. 

Der seltsame Gang der Frauen rührt daher, dass man unweigerlich mit der Hüfte wackelt, wenn man beim Gehen den einen Fuß quer über den anderen auf der anderen Seite aufsetzt. Man setzt nicht den rechten Fuß rechts auf, sondern er wird links vor das andere Bein gesetzt. Links holt dann etwas aus und dann wird seitenverkehrt das Gleiche mit diesem Fuß gemacht.
Die Sinnhaftigkeit habe ich nicht verstanden und „sexy“ oder zumindest elegant sieht es auch nicht aus.

Die jeweiligen Modeschöpfer sprachen sich mit Heidi Klum ab und diese warf ein „Model“ nach dem anderen heraus, bis nur noch die Gewinnerin (namens Lou-Anne) übrigblieb.
Diese bekommt einen Exklusivvertrag bei einem der größten Kosmetikunternehmen.

Dieser „ContestContest Wettbewerb“ ging von 20:15 Uhr bis knapp 23 Uhr.
Mindestens die Hälfte der Ausstrahlungszeit wurde durch Werbung oder Werbeeinblendungen unterbrochen. Zudem nannte Heidi Klum zahlreiche Mode-Marken.

Jetzt habe ich „GNTM“ auch endlich mal gesehen!

Mich hat es nicht vom Hocker gerissen.

Die Stimmung war auf dem Siedepunkt.
Warum die Zuschauer stellenweise ausflippten, konnte ich nicht nachvollziehen. Heidi Klum bezog die Zuschauer zwar mehr oder weniger mit ein, aber eigentlich nur als Bestätigung ihrer selbst.
Die Gespräche mit den Modeschöpfern, den Fans und den Kandidatinnen war zum überwiegenden Teil sinnentleert. 

Besonders die Teilnehmerin Sophie, die in eine der Vorrunden schon herausgeflogen war, fungierte als „Reporterin“ im Backstage-BereichBackstage Der Bereich hinter der Bühne oder hinter den Kulissen, den Zuschauer nicht zu sehen bekommen. Sie fiel durch Floskeln und Phrasen auf, die sie wohl eingehämmert bekommen hatte, bis sie sie ohne Holperer und Versprecher wiederholen konnte.
Sie interviewte die anderen schon herausgeflogenen Kandidaten oder man wollte es uns zumindest so verkaufen, dass es Interviews ohne Vorbereitung waren.
Die „Ehemaligen“ erzählten aus der Zeit, als sie noch aktiv in der Serie dabei war.
Alle waren völlig enthusiastisch und aufgedreht, wenn sie erzählten, wie ihre Persönlichkeiten durch die Teilnahme an Heidi Klums Contest positiv verändert wurden, auch wenn es nur eine Folge war, in der sie mitmachten.
Jede von ihnen war sehr zufrieden und strahlte über das ganze Gesicht.

Alles war „MMMEEEGGGAAA“.

Heidi Klum und die Modeschöpfer wiederholten immer wieder das Wort „DiversityDiversität Ein Konzept zur Unterscheidung und Anerkennung von individuellen Merkmalen wie Alter, Herkunft, Geschlecht, Religion, sexuelle Ausrichtung et cetera“.
Bei dreißig hörte ich auf zu zählen, weil die Modeschöpfer unter anderem immer wiederholten, was dies eigentlich bedeutet.
Dass „Diversität“ mit Vielfältigkeit im Sinne von (sexuellen) Vorlieben, Alter, Herkunft, Körpergröße und so weiter beschrieben wird, haben wahrscheinlich die dümmsten Zuschauer nach der fünfzigsten Wiederholung auch verstanden.
Dazu kam, dass „Diversity“ nur von Heidi Klum bei der Auswahl und beim anschließenden Contest angewandt wurde. Das sagten die Anwesenden.

Von Modenschauen ist man ja einiges an Verrücktem gewöhnt, aber die Teilnehmerinnen mussten auch auf dem Trampolin ihr „Können“ unter Beweis stellen. Eine Fotografin lichtete sie dabei ab. Danach wurden die Fotos begutachtet.
Nach dieser Runde musste eine Aspirantin gehen.

Was an den gezeigten drei Fotos „lasziv“, „ausdrucksstark“, „selbstbewusst“ und so weiter war, erschloss sich mir nicht.
Zumindest waren alle Hüpfdarbietungen laut der Fotografin „MMMEEEGGGAAA“.
Bei den drei jungen Frau fand sie auch die „Diversity“ ganz toll.

Laut Heidi Klum, Sophie und den anderen Teilnehmenden sowie dem Publikum war die Stimmung laut Heidi Klum und den Teilnehmenden immer „MMMEEEGGGAAA“.
Das sagte sogar Sophie mehrmals.

Oftmals kam es mir so vor, als hätte man allen, die zu sehen waren, Aufputschmittel gegeben, doch „Töchterchen“ meinte, das wäre eben so, weil alle ja allen alles gönnten.

„GNTM“ war eine interessante Erfahrung und ein Einblick in eine (Parallel‑) Welt, die sich mir allerdings nicht erschloss.

Es kam mir vor wie eine durchweg inszenierte Darbietung, die jedoch herüberkommen sollte, als wenn alles spontan passieren würde.
Vieles, was passierte, wirkte wie fingiert und von langer Hand vorbereitet.

Ich muss mir „GNTM“ freiwillig nicht wieder antun.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Gedanken