Vor einigen Jahren war es mehr oder weniger ein Gag zwischen meiner Gattin und mir. Ich holte sie eines Abends mit langen roten aufgeklebten Fingernägeln von der Arbeit ab. Abends entfernte ich die Kunstnägel wieder.

„Ich hätte nichts dagegen, wenn Du die Nägel so hättest“, sagte sie am nächsten Nachmittag, als wir beide Feierabend hatten, „aber wenn Du es machst, nur dunkle Farben und kein Rot oder Rosa.“
Und „just for fun“ kauften wir wieder aufklebbare Nägel sowie dunkelbraunen Lack.
Am nächsten Morgen trug ich braune, nicht ganz so lange Nägel auf der Arbeit.
Aus diesem Gag wurde ein fester Bestandteil.

Aktuell trage ich seit langem mal wieder rot lackierte Fingernägel.

Anfangs war es ein Gag, aber irgendwann erwuchs daraus ein Teil von mir.
Es sind schon lange keine aufgeklebten Kunstnägel mehr, sondern meine echten sind mit Gel verstärkt.

Die Gründe dafür sind einzig und allein, weil es gefällt beziehungsweise „just for fun“.
Ich kokettiere nicht damit. Auch veröffentliche ich keine Fotos meiner lackierten Fingernägel im Internet oder in Foren.

Es ist einfach so!

Meine sexuelle Orientierung ist „hetero“, weder “homo“, noch „bisexuell“, nichts Anderes als „Mann zu Frau“ .

Ein Mann mit langen lackierten Fingernägeln!

Skandal!

Für meine Frau und mich ist es alltäglich (geworden) und wir merken es nicht mehr, bemerken auch die Blicke der Mitmenschen kaum noch, wobei manche heftig reagieren, sich sogar „erschrecken“.

Es ist lustig, wenn sie es tun.

Ebenso amüsieren wir uns über die Gerüchte über mich.

„Weswegen macht der das?“, „Es muss doch einen Grund geben.“

Die Mitmenschen suchen nach Gründen, weswegen ich so bin, was für uns normal ist.
Die „Erklärungen“ sind vielschichtig, über „Der ist bestimmt Travestiekünstler“, „Die sind bisexuell“ et cetera., aber sie vergessen, dass es nur nicht-zutreffende Vermutungen sind.

Ein „Parameter“ ist bei mir anders, mehr nicht.

Früher nannte man es „Paradiesvogel“ und nahm es hin, heute sucht man nach Gründen.

Ein Highlight war übrigens die Reaktion von Stefan Kaufmann, Mitglied des Bundestags (CDU), der bekennender Schwuler ist und auch in einer „eingetragenen Lebenspartnerschaft“ lebt.

Er wollte uns zusammen mit seinem Mann in Stuttgart klarmachen, dass Schwule, Lesben, Transsexuelle et cetera sich dumme Kommentare und komische Blicke gefallen lassen müssten.
Meine Frau und ich konnten das paradigmengleiche Selbstmitleid der beiden irgendwann nicht mehr hören.
Meine Frau nahm meine rechte Hand mit den zu der Zeit hellgrünen Nägeln hoch und zeigte sie den „Kaufmännern“ mit der rhetorischen Frage:

„Meint Ihr, wir müssten uns keine komischen Blicke gefallen lassen? Das ist eben so, wenn man anders ist.“

Stefan Kaufmann war kurz sprachlos und brach dann das Gespräch ab. Beide gingen weiter ihres Weges.

Über Nacht waren wir dann von beiden „Kaufmännern“ bei diversen sozialen Onlinenetzwerken entfreundet und blockiert worden.

Ein uns sehr nahe stehendes schwules Ehepaar verstand die Reaktion nicht.

Aus dem Kontext heraus, dass meine Frau und ichdas Selbstmitleid der „Kaufmänner“ nicht ernstnähme, entstand der ironisch-sarkastische Satz:

„Ihr seid dauerhomophob.“

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