„Hallo, Helmut“, sagte ich zu meinem Nachbarn; „lange nicht gesehen. Wie geht’s Dir?“
Helmut schaute genervt auf sein SmartphoneSmartphones Smartphones nennt man Mobiltelefone mit umfangreichen Computer-Funktionalitäten, wie Terminplaner, E‑Mail-Möglichkeiten u.v.m. Der Begriff dient der Abgrenzung von herkömmlichen Mobiltelefonen. und steckte es wieder in die Tasche.
„Guten Morgen!“, grüßte er zurück und schaute mich freundlich lächelnd an.
„Was gibt’s Neues? Was macht die DramaqueenDrama-Queen Eine Person, die immer wieder Kleinigkeiten viel bedeutungsvoller oder schlimmer darstellt, als sie sind (dramatisiert), um damit im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen?“ fragte ich grinsend.
„Die Dramaqueen dreht mal wieder am Rad“, antwortete er.
„Wer ist diesmal das Opfer?“ wollte ich wissen.
„Ich!“

Helmut ist geschieden. Seine Tochter lebt bei seiner Ex-Frau.
Seine Tochter und er haben im Prinzip permanent Kontakt und erzählen sich fast alles über WhatsAppMessenger Benutzer können über Messenger Textnachrichten, Bild‑, Video- und Ton-Dateien sowie Standortinformationen, Dokumente und Kontaktdaten zwischen zwei Personen oder in Gruppen austauschen. und ähnlichem. Morgens fängt es mit einer Begrüßung an und abends hört es mit „Gute Nacht!“ auf.

„Du bist ihr Opfer?“, fragte ich erstaunt, „Wie darf ich das verstehen?“
Helmuts Blick verdüsterte sich.
„Wir sind ja immer im regen Austausch. Du kennst sie ja. Wenn es ein Problemchen gibt, wird alles bis ins Extreme übertrieben. Dann wird es ja ad absurdumAd Absurdum Ad absurdum” wird benutzt, um auf die Sinnlosigkeit eines (angeblichen) Sachverhalts hinzuweisen, der der Vernunft widerspricht. ausdiskutiert.“
Ich nickte: „Nadine, wie sie leibt und lebt.“
„Das kennen wir ja. Mir ist irgendwann aufgefallen, dass sie alle Leute überwacht und kontrolliert.“
„Bitte?“
„Du kennst doch bestimmt die beiden Häkchen bei WhatsApp“, begann er, „daran kann man erkennen, ob jemand Deine Nachricht gelesen hat. Nadine schaut andauernd nach, wann ihre Nachrichten gelesen wurden. Eine Antwort muss dann aber kurz danach kommen. Das meint sie zumindest.“
„Ah ja!“
„Sie meint, jeder wäre immer online und hätte Zeit für ihre Eskapaden oder Gespinste.“
Er atmete kurz ein und aus.
„Ich habe während einer Autofahrt ihren Hass zu spüren bekommen, weil ich nicht geantwortet habe. Ich könnte beim Autofahren ruhig etwas schreiben. Da würde niemand etwas sagen. Klar, ich habe zwar keine Punkte in Flensburg, aber wenn es nach ihr geht, müsste ich die in Kauf nehmen, weil sie genau in dem Moment ein Problem hat und dies sofort gelöst haben will. Ich mache sowieso nichts am Handy beim Autofahren. Seitdem mein Kollege im Straßengraben gelandet ist, macht das so gut wie niemand mehr von den Kollegen. Das ist einfach zu gefährlich.“
„Was ist jetzt Nadines Problem?“
„Dass es nicht so läuft, wie sie es gerne hätte“, sagte Helmut, „Sie nötigt Dich, bis Du Dich breitschlagen lässt und reagierst. Sie schickt Dir im Sekundentakt Nachrichten oder ruft Dich immer wieder da.“
„Sie hat aber keinen an der Waffel“, warf ich ein.
„Nein“, machte er langgezogen und versuchte ein Lächeln, „überhaupt nicht. Frag besser nicht, welche freche Dinge sie mir an den Kopf warf! Sie wäre mir egal und so weiter. Ich habe mich nicht darauf eingelassen. Sie ist zu einer NarzisstinNarzissmus Narzissmus steht für die Selbstverliebtheit eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt als alle anderen um ihn herum. sondergleichen geworden. Wenn nicht alle springen, wenn sie ruft, ist sie sauer und ignoriert die anderen. Als sie mal sagte, sie würde eine Freundin ein paar Tage ignorieren, weil sie sich drei Stunden nicht gemeldet hätte, habe ich das für einen Witz gehalten. Das Schlimme ist, das macht sie wirklich.“
„Was ist bei ihr schiefgelaufen?“
„Ich habe keine Ahnung“, antwortete er, „wahrscheinlich, weil sie ja jeden Wunsch erfüllt bekommt, jeden“.
Helmut hatte nach der Querele mit ihr entschieden, die Privatsphäreneinstellungen dahingehend zu ändern, dass niemand mehr sehen kann, wann er online war oder etwas gelesen hat.
Nun versucht Nadine ihn weiter zu belagern und dazu zu drängen, dass sie es wieder sehen kann.
Helmut bleibt stur: „Ich lasse mich nicht kontrollieren.“

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