Wenn man wie ich als Journalist arbeitet, ist man der Wahrheit und der Objektivität verpflichtet. 

Wir Journalisten werden immer in einen Topf geworfen, und man schimpft uns die „Kampfpresse“ oder schlimmer noch die „Lügenpresse“.
Ich möchte ein Beispiel geben, was guter und was schlechter Journalismus ist.

Vor ein paar Wochen bekam ich etwas „gesteckt“.
Es ging um ein Thema, das nicht wirklich mein Bereich ist – Biologie und Tierversuche.
Ich schreibe im Metier AstrophysikAstrophysik Die Astrophysik befasst sich mit den physikalischen Grundlagen der Erforschung von Himmelserscheinungen. Als Erweiterung der klassischen Astronomie macht sie heute große Bereiche der astronomischen Forschung aus., „Kritik von Pseudo-WissenschaftenPseudowissenschaften Eine Pseudowissenschaft ist keine anerkannte Wissenschaft, die sich aber selbst den Anstrich verleiht, sie wäre eine.“ sowie EvolutionEvolution Stammesgeschichtliche Entwicklung von niederen zu höheren Formen bei Lebewesen in teils sehr großen Zeiträumen.

Ein Student, nennen wir ihn Mike, erzählte mir, dass er im Rahmen seiner Nebentätigkeit mit Mikroplastik arbeite. Die chinesische Regierung ist an dem Projekt beteiligt und sein Mentor Jing lässt ihn Versuche mit Fischen machen.
Die Fische werden ausgebrütet und kommen dann in ein Verhaltensbecken, in dem sich Chemikalien befinden. Nach 120 Stunden werden die Fische dann getötet, seziertSezieren Einen Verstorbenen, ein Organteil, ein totes Tier zu anatomischen Zwecken so aufschneiden, dass der innere Aufbau erkannt werden kann, untersucht und das Ergebnis dokumentiert.
Die Versuche werden mit verschiedenen Chemikalien wiederholt.

Mike arbeitet auch sonntags, weil laut ihm die Fischen nach 120 Stunden getötet werden müssen, weil es sonst als Tierversuch gelte.

Das stieß mir auf und ich recherchierte im Internet, fand aber nichts mit 120 Stunden in den Gesetzen wie Tierversuchsgesetze, Tierschutzgesetze und dergleichen mehr.

Diskussionen mit Tierschützern und Tierärzten brachten auch nichts.
Mir schwebten die Bilder der armen Tiere vor Augen und diese Aussage: „Wenn wir die Fische innerhalb 120 Stunden töten, gilt es de jureDe Jure „laut Gesetz”, „rechtlich gesehen” nicht als Tierversuch.“

Es hörte sich also erstmal so an:
„Die Chinesen umgehen das Tierschutzgesetz.“
Das wäre ein Hammer!

Die Recherche brachte, wie gesagt nichts, und mir kam in den Sinn, dass Jing Mikes Gutgläubigkeit und Naivität ausnutzte.
Mir taten auch die Fische leid.
Laut Tierschutzgesetz müssen Versuche angemeldet und genehmigt werden, bei denen Tieren Leid, Schmerz und ähnliches zugefügt wird.

Ich schrieb daraufhin nochmals mehrere offizielle Stellen an, Tierschutzbeauftragte, Tierärzte und so weiter.
Keiner konnte etwas bestätigen, niemand kannte irgendwas mit 120 Stunden.
Ich begann daraufhin, das Tierschutzgesetz näher anzuschauen.
Die ganze Sache galt für Wirbeltier, Kopffüßler und Weichtiere. Fische waren also drin.

Dann fiel mir eine Stelle auf, dass Tiere fähig sein mussten, sich selbstständig zu ernähren.
Das könnte der Punkt sein.

Ich wandte mich nochmals an eine Ärztin, die mir zweimal zurückgemailt hatte und wissen wollte, wie es weiter ginge.
Wir diskutierten über Stadien von Fischen, wann ein Fisch selbstständig essen könne.
Dann stolperte ich über das sogenannte „Tierversuchsanordnungsgesetz“ und einige EUEU Europäische Union-Richtlinien.
In einer Beurteilung der Rasse Zebra-Bärbling in Tierversuchen stand:

“As per Article 1(3)(a)(i) of Directive 2010⁄63/EU (EU 2010) on the protection of animals used for scientific purposes, live nonuman vertebrate animals including independently feeding larval forms are covered by its scope. According to the description of OECD TG236, the zebrafish embryos are used until 96 h post-rtilisation. Zebrafish is generally not considered as being capable of independent feeding until five days post-fertilisation. This is confirmed by the Commission Implementing Decision 2012⁄707/EU (EU 2012b) on a common format on collection of information on the use of animals for scientific purposes in the EU states that „Fish should be counted from the stage of being capable of independent feeding onward. Zebrafish kept in optimal breeding conditions (approximately + 28°C) should be counted 5 days post fertilisation“. Considering the foregoing, the embryos in question should not be considered as „independently feeding larval forms“within the meaning of the Directive and therefore the procedure, as far as the embryos are concerned, does not fall within its scope.”

Das war also die Lösung.

Die 120 Stunden, die Mike als de jure deklariert beziehungsweise man ihm so mitgeteilt hatte, waren also falsch. Vielleicht hatte man es ihm einfach so gesagt, um ihn ruhig zu stellen.

Also Entwarnung!

Ich dachte drüber nach. Mir taten die Fisch-Embryonen leid.
De jure und de scientieDe Scientie „laut Wissenschaft”, „wissenschaftlich betrachtet” wurden Regeln festgesetzt.

Die „Kampfpresse“ hätte wohl etwas anderes daraus gemacht.

Illegale Tierversuche
Chinesische Regierung unterläuft Tierschutz.

Ich hoffe, ich konnte an einem Beispiel klarmachen, was gute Pressearbeit (inklusive Sorgfalt) und was schlechte ist.

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