Bei „Undercover-Boss“ schlüpfen Chefs in die Rolle von Praktikanten oder Bewerbern, um zu schauen, ob „unten“ alles richtig läuft und wo eventuell Nachholbedarf ist.
Diese Serie läuft seit 2011 bei RTL.

Der Ablauf einer Serienfolge ist im Prinzip seit Jahren gleich.
Ein Chef, ein Vorstandsvorsitzender oder ähnliches wird umgestylt, damit ihn niemand von der Belegschaft erkennt.
Als Ausrede, dass ein Kamerateam anwesend ist, wird gesagt, er nehme an einer Fernsehserie teil, bei dem Arbeitslose sich für einen Job qualifizieren müssten. Das ist aktuell seit ein paar Staffeln so. Davor waren es angeblich Dokumentationen, wie Arbeitslose oder Berufsumsteiger wieder in Lohn und Brot kommen.

Der „Undercover-Boss“ wird in der Firma an meist fünf verschiedenen Orten und in verschiedenen Tätigkeiten eingesetzt. Im Anschluss an jedem Arbeitstag müssen ihn die Angestellten, die ihn angewiesen oder unter ihre Fittiche genommen haben, bewerten.

Dies geschieht alles nur aus dem Vorwand heraus, dass er nicht entdeckt wird und dass die Sache nicht auffliegt.

Der „Undercover-Boss“ wird stellenweise hart herangenommen, wenn es um die Bewährung für einen potenziellen Posten im Unternehmen geht.

Man sieht schon oft, wie sich manche Mitarbeiter profilieren wollen und ihn sehr unter Druck setzen, ihn antreiben oder auf andere Arten schikanieren. Auch die Bewertungen sind nicht immer gerecht.

Wenn die „Arbeitswoche“ beendet ist, legt der Chef wieder seine „Verkleidung“ ab und kehrt in sein „normales“ Leben zurück.

Etwas später werden die Personen, bei denen der „Undercover-Boss“ eingesetzt war, in die Firmenzentrale eingeladen.
Dort gibt es erst small talk über den Praktikanten, dann kommt irgendwann die obligatorische Frage, ob man sich nicht kenne.
Dann wird aufgelöst und die Mitarbeiter bekommen Belohnungen wie Urlaube und vieles mehr.

Der „Undercover-Boss“ ist einigermaßen weit weg von seiner eigenen Wirkstätte und reist auch bei manchen Folgen von hier nach da.
Er ist auffällig, dass er oder sie – Auch Chefinnen gibt es! – so gut wie nur handwerkliche Tätigkeiten machen muss, auch unrealistische stellenweise, wie Elektrogeräte verdrahten und  einrichten, was nur Personen mit entsprechender (Spezial‑) Ausbildung tun dürfen.
Zudem sind sehr kraftaufwändige Tätigkeiten dabei, um zu zeigen, dass der „Chef“ sowas gar nicht gewöhnt ist und auch im Rückblick am Abend zugibt, total kaputt zu sein.

So darf der „Undercover-Boss“ Kabel verlegen, schwere Dinge von hier nach da bringen, Regale einräumen, Rasenmähen, mithelfen beim Hausbau und so weiter und sofort.

Während er angetrieben wird von den „Verantwortlichen“, kommt er mit ihnen auch über private Dinge ins Gespräch.
Dies ist ganz wichtig für die Belohnung zum Schluss der Folge.
Dass es unrealistisch ist, mit jemandem, den man gerade erst kennengelernt hat, über sehr private und intime Dinge ins Gespräch zu kommen, wird ausgeblendet.

In der Regel wird der „Undercover-Boss“ nicht entdeckt. Seine Maskerade hält.
Wenn es passiert, wird alles ziemlich locker genommen. Niemand ist ihm böse, auch nicht, wenn zum Ende der Folge die Auflösung kommt.
Kurios mutet an, dass noch niemand etwas Negatives über die Aktion gesagt hat.

Die ersten Staffeln waren noch einigermaßen interessant. Niemand kannte bis dahin „Undercover-Boss“ und niemand kam auf die Idee, dass irgendetwas nicht stimmte.
Zwischendurch bei den weiteren Staffeln wurde der Akteur mehrmals entdeckt und es wurde auf die Serie „Undercover-Boss“ verwiesen oder diese genannt.
Dann kamen Autoren der Serie auf die Idee mit den sogenannten „Job-Karussell“, also der Idee, den Angestellten weiszumachen, es handele sich um eine Show, in der Arbeitslose, die „wirklich arbeiten wollen“, auch einen Job bekommen.

Die Geschichte, die offiziell als „Dokutainment“ – Dokumentation und Entertainment – deklariert ist, stößt an ihre Grenzen.
In der aktuellen Staffel zeigt man auch ab und zu Kurzporträts der „Verantwortlichen“, bei denen der „Undercover-Boss“ eingesetzt ist. Sie erzählen von ihren Nöten, Ängsten und man erfährt einiges in ein paar Minuten von ihnen.
Die Serie kommt immer mehr einer gestellten und nacherzählten Geschichte nahe. Niemand schöpft Verdacht, dass irgend etwas nicht stimmt.
Auch, dass die „Verantwortlichen“ porträtiert werden, gibt niemandem zu denken, nicht im Ansatz.
Minutenlang wird über einen „Vorarbeiter“ erzählt. Seine Frau kommt auch zu Wort, als es um den Tiefschlag „Krebs“ ging. Das ist alles kein Grund, der Akteure, daran zu zweifeln, dass dies alles zum „Job-Karussell“ gehört.

Wenn die Mitarbeiter zum Chef (ehemaliger „Undercover-Boss“) eingeladen werden, wird sich über den Praktikanten unterhalten.
Dass die Intention der Serie die ist, dass der „Undercover-Boss“ an der Basis schaut, wie alles funktioniert, bemerkt man im Mitarbeitergespräch nicht. Der „Undercover-Boss“ bedankt sich für den Einsatz der Leute.
Dann bekommen sie Geschenke. Der ehemals Krebskranke darf sich in vom Unternehmen bezahlten Sonderurlaub beim „Wellness“ erholen. Mitarbeiter mit behinderten Kindern bekommen zum Beispiel eine Reise zu einer Delphintherapie bezahlt und vieles mehr. Ein Mitarbeiter bekam, weil er es sich von seinem Lohn nicht leisten konnte, ein Schlagzeug geschenkt und dergleichen mehr.

Was mir fehlt, ist die Selbstreflexion des „Undercover-Bosses“.
Er erzählt oft, dass die Mitarbeiter zum Beispiel auf der Baustelle oder im Lager hart arbeiten müssten und hier etwas zu ändern sei, doch es wurde noch nie gezeigt, wie Verbesserungen oder Konkretisierungen durchgesetzt wurden. Man könnte meinen, der „Undercover-Boss“ würde nur schauen, ob alle ihre Arbeit tun.

Die vielen Widersprüche, die nach und nach auftauchen, werden immer kurioser. Vielleicht werden die Besuche nur nachgestellt oder nach einem Drehbuch gefilmt!

Alles wirkt von Mal zu Mal gestellter und grotesker.

Wie sich diese Serie halten kann, ist mir ein Rätsel.

Eine Antwort auf Der Undercover-Bluff

  • Danke für diesen tollen BlogBlogs Tagebuchartige, meist regelmäßig geführte, öffentlich zugängliche Webseiten (zu bestimmten Themen), in denen Leser die Beiträge in der Regel kommentieren können. War sehr interessant zu lesen.

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