Während ich im Büro saß und Dokumente für Statistiken aufbereitete, rief mich eine Kollegin an. Sie ist tätig in der Patientenaufnahme und am Eingangsfoyer. An diesem Tag war sie mit einer Situation vollkommen überfordert.

„Kannst du bitte zu mir kommen?“, fragte sie, „Wir brauchen einen Vermittler hier. Bitte beeil‘ Dich!“

Am Eingang für Besucher stand eine Menschentraube von 25 bis 30 Personen.
Meine Kollegin hatte mich am Telefon instruiert, ich möge meine Mitarbeiterkarte abnehmen und solle mir meinen Presseausweis umhängen.

Die Situation am Eingang war prekär.
Das Oberhaupt einer Großfamilie hatte eine schwere Operation hinter sich und befand sich auf der IntensivstationIntensivmedizin Besonders auf Intensivstationen betriebener Einsatz aller zur Verfügung stehenden diagnostischen und therapeutischen Mittel zur Behebung eines akut lebensbedrohlichen Zustandes eines Patienten unter fortlaufender Kontrolle der wichtigsten Körperfunktionen unter anderem mit Apparaten und Maschinen . Es sah nicht gut für ihn aus, sodass Mitglieder der Familie gekommen waren, um sich von ihm zu verabschieden.

Es herrschte allerdings die epidemische Lage nationaler Tragweite und die Delta-Variante des CoronavirusCoronavirus Das Coronavirus (SARS-CoV‑2) verursacht eine schlimme Lungenkrankheit (COVID-19), die auch tödlich enden kann. wütete.
Da es schon Ausbrüche im Krankenhaus gegeben hatte, war momentan Besucherstopp.

Da das erwähnte Familienoberhaupt wohl im Sterben lag, hatte man sich gedacht, ihn (vorsorglich) zu besuchen.
Ich wusste Bescheid, was zu tun war. Meine Kollegin hatte mich gerufen, weil jemand gedroht hatte, er wolle die Presse einschalten. Da war ich in ihren Augen der richtige, um Druck aus der Situation zu nehmen.
Ich habe Journalistik studiert und bin akkreditierter Journalist.
Jemand aus der vor dem Eingang stehendem Menschenpulk hatte schließlich nach der Presse gerufen.

Ich schlenderte also vom Verwaltungsgebäude kommend zum Eingangsbereich des Krankenhauses und tat so, als wäre ich ein „normaler“ Besucher.
Meine Kollegin ignorierte mich, denn das hatte ich vorgeschlagen. Es sollte niemand wissen, dass ich kein Besucher war.
Der Oberarzt der Intensivstation stand vor der sogenannten EinlasskontrolleEinlasskontrolle In Zeiten der Corona-Krise muss man als Besucher, Patient oder externer Mitarbeiter in Krankenhäusern erst an der Einlasskontrolle vorbei, die nach bestimmten Corona bedingten und bezogenen Sachlagen (z.B. Fragen und / oder auch Fiebermessung) entscheidet, ob man hereingelassen wird oder nicht. Dies soll verhindern, dass das Coronavirus ins Krankenhaus eingeschleppt wird. und versuchte mit aufgebrachten Leuten zu reden. Es klappte kaum, denn er konnte sagen, was er wollte, er wurde angefeindet. Die potenziellenpotenziell möglich (im Gegensatz zu wirklich), denkbar, der Möglichkeit nach, vielleicht zukünftig, könnte passieren Besucher sagten immer wieder, dass das Familienoberhaupt im Sterben läge und sich jeder verabschieden wolle. Etwas weiter entfernt stand die Security und war ebenso in Endlosdiskussionen verwickelt. Die Angestellten waren genauso wie die potenziellen Besucher vollkommen überfordert.

Ich lotete die Masse der Leute aus und hörte irgendwann das Wort „Presse“.
Dem folgte ich und sprach jemanden darauf an. Er war aufbrausend und fragte mich, was ich wolle.
Ich zeigte meinen Presseausweis und sagte ihm, dass ich jemandem besucht hätte und verwundert sei, was hier passierte.
„Dann schreiben Sie, was hier passiert. Unmenschliche Zustände herrschen hier.“

Ich gab mich erstaunt und ließ mir alles berichten. Es war das Gleiche, was meine Kollegin mir berichtet hatte und was ich in der kurzen Zeit meiner Anwesenheit dort im Foyer gesehen hatte.

Er erzählte mir ziemlich hektisch und aggressiv, dass alle jetzt endlich zu seinem Vater wollten und dass alle das Recht dazu hätten.
Der Oberarzt fragte plötzlich, wer denn die Frau und der älteste Sohn des Patienten sei.
Mein Gegenüber rief, dass er das sei und der Oberarzt kam auf uns zu. Er kannte mich „glücklicherweise“ nicht.
Mein stellte sich kurz gegenseitig vor, während ich mich dezent im Hintergrund hielt.
„In Anbetracht der Lage können drei Personen zu Herrn Süleyman. Das ist nur eine Ausnahme“, sagte der Oberarzt, „Normalerweise ginge nur eine Person für eine Stunde. Wir befinden uns in der PandemiePandemie Eine Pandemie bezeichnet eine weltweit kursierende, (hoch) infektiöse Krankheit.. Ich habe entschieden, dass ich heute ein Auge zudrücke.“
Der Mann, der ebenfalls Süleyman hieß, forderte wortstark, dass die anderen auch zu seinem Vater wollten und dass dies eben so wäre in deren Kultur.
Während der Oberarzt nochmals sagte, dass er verstehen könne, dass man enttäuscht sei, aber schließlich sei man in einer Situation, die dies nicht zulasse.
Der Sohn des anscheinend im Sterben liegenden wurde ruppig und forderte mich aggressiv auf, ich solle „dies“ schreiben. Dann hätte ich „endlich“ eine Story.
Der Arzt schaute mich fragend an und ich erklärte ihn, dass ich bei jemandem zu Besuch gewesen wäre und hier zufälligerweise hineingeraten sei.
Ich versuchte zu vermitteln, doch musste merken, dass Herr Süleyman in keinster Weise bereit war, auch nur den kleinsten Kompromiss zu akzeptieren. Er beharrte darauf, dass alle hinein wollten.
Ich erklärte, dass es aus Infektionsgründen momentan nicht möglich wäre und der Oberarzt extra eine Entscheidung für diesen Fall eine Ausnahmesituation etwas erwirkt hätte.
Da Süleyman stur blieb und ich in seinen Augen mein „Fach“ nicht gelernt hätte, blieb die Situation unangenehm für alle.
Ich erklärte ihm, dass der Oberarzt an Gesetze, in diesem Falle das InfektionsschutzgesetzInfektionsschutzgesetz Das deutsche Infektionsschutzgesetz (IfSG) ist ein Bundesgesetz gegen gemeingefährliche oder übertragbare Krankheiten bei Menschen und regelt die hierfür notwendige Mitwirkung und Zusammenarbeit von Behörden et cetera und an die Landes-CoronaCoronavirus Das Coronavirus (SARS-CoV‑2) verursacht eine schlimme Lungenkrankheit (COVID-19), die auch tödlich enden kann.-Verordnung gebunden sei. Zudem müsse er darauf achten, dass im Krankenhaus niemand infiziert werde, wenn jemand von außen das Coronavirus hineintrage.
Das wollte der aufgebrachte Mann nicht hören, ebenso wenig, wie die anderen Familienangehörigen auch.
Sie beschimpften uns als unmenschliche „Was-auch-immer“.
Irgendwann meinte Süleyman zu mir: „Ihr Nazis haltet immer zusammen!“

Das war für mich die Aufforderung, zu gehen. Ich muss mich nicht beleidigen lassen.

Ich beobachtete die Situation noch etwas und sah, dass die Polizei mit mehreren Autos anrückte.
Meine Kollegin sagte mir später, dass die Großfamilie irgendwann gegangen sei.
Drei Leute hatten den im Sterben Liegenden besucht.

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